Überforderung in der häuslichen Pflege

Überfordert: Wenn die Pflege zur untragbaren Last wird

Der beinahe unglaublich Anteil von mehr als 46 Prozent aller Pflegebedürftigen wird zu Hause gepflegt. Allein von den eigenen Angehörigen. Aktuell sind das rund 1,2 Millionen Menschen – und 1,2 Millionen Familienmitglieder, die oft ihre ganze Zeit und Kraft für die eigenen Angehörigen aufwenden. Nicht selten wird aber die Belastung manchmal einfach zu groß – etwa bei der Pflege von demenzkranken Eltern, die permanente Aufsicht brauchen, oder dort, wo die Pflegearbeit, die man zu Hause leistet, auch zur körperlichen Herausforderung wird.

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Niemand redet über Überforderung

Dass es oft kein Leichtes ist, die Arbeit in der eigenen Familie, die Versorgung der eigenen Kinder und vielleicht sogar noch eine Teilzeitstelle mit der häuslichen Pflegearbeit unter einen Hut zu bringen, mag vielen einleuchten. Zur Sprache gebracht wird es dennoch nie. Über Last und Überlastung wird einfach geschwiegen.

Betroffene trauen sich nicht darüber zu reden, weil sie sich schämen, dass sie ihr Schicksal nicht einfach tapfer ertragen. Schließlich haben die eigenen Eltern auch nicht geklagt, als sie einen großgezogen haben, oft genug unter schwierigen Umständen, und jetzt ist man eben selbst an der Reihe, das gewissermaßen zurückzugeben.

Die Gesellschaft nimmt das Thema nur am Rande wahr, da innerlich die meisten wenigstens moralisch davon überzeugt sind, dass „es sich einfach gehört“, dass sich Kinder später um ihre alten Eltern kümmern. Und die Politik weicht dem Thema aus – denn angesichts einer Zahl von 1,2 Millionen Familien in Deutschland, die praktisch kostenlos und unabgegolten mehrere Milliarden Stunden an liebevoller Pflegeleistung erbringen, könnte schnell der Ruf nach Lösungen zur Entlastung laut werden. Und das wäre, da sind sich Experten einig – wenn überhaupt möglich, dann enorm teuer. Also ergeht man sich in Lob über den Familiensinn, und lässt es dabei bewenden.
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Die moralische Falle

Jeder, der für seine Eltern ein Pflegeheim sucht, oder die Pflegearbeit nicht selber verrichtet, hat meist zumindest ein klein wenig schlechtes Gewissen. Es liegt einfach in unserer Natur, die eigenen Eltern nicht einfach aufzugeben, nur weil die Belastung für uns steigt. So wie Eltern eben auch mit Kindern harte Zeiten durchstehen. Und die moralische Falle mit dem „Zurückgeben“ des Einsatzes, den Eltern für die eigene Erziehung aufgebracht haben, die schnappt auch immer wieder zu. Und offen zuzugeben, dass man einfach nicht mehr kann, ist in unserer Gesellschaft ohnehin verpönt. Schließlich sind wir alle Sieger und Helden – oder tun wenigstens die meiste Zeit so als ob, weil das dem erwünschten Bild entspricht.

Der emotionale Faktor der Überforderung

Unser Instinkt, zu bemerken, wo etwas zu viel wird, ist von Natur aus nur schwach ausgeprägt. Wir leben in einer Welt, die uns schon von vornherein dazu einlädt, uns ständig zu überfordern, und dauernd über unsere Grenzen zu gehen. Wir achten dabei kaum auf uns selbst, weil wir das schon vor langer Zeit verlernt haben. Nicht umsonst gehört Stresskrankheiten unangefochten die erste Stelle unter den Todesursachen.

Bei der Pflege der eigenen Angehörigen sind die absoluten Alarmzeichen Gereiztheit, Sorgen, Schlafprobleme – und wenn das liebevolle Gefühl dem pflegebedürftigen Angehörigen gegenüber an manchen Tagen einfach nicht mehr wiederzufinden ist. Dann ist es bereits schon sehr weit gekommen, mit der Überforderung.
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Nicht mehr zu können ist erlaubt

Es ist keine Schande, zuzugeben, dass man etwas einfach nicht mehr schafft. Und Zeichen der Überforderung sind auch Zeichen, dass es an der Zeit ist, Lösungen zu suchen. Oder sich Hilfe zu suchen. Das kann man nur immer wieder betonen. Und es müsste noch viel lauter und deutlicher auch in der Öffentlichkeit betont werden. Auch wenn wir dann keine Sieger und Helden mehr sind. Von denen haben wir ohnehin viel zu viele.

Letzten Endes geht es darum, dass, wer seiner Aufgabe schon längst nicht mehr gewachsen ist, auch für den pflegebedürftigen Angehörigen eine Last ist. Natürlich merkt die eigene Mutter in sehr vielen Fällen dass man schon längst nicht mehr kann, und leidet dann ihrerseits unter einem schlechten Gewissen, das sich dann oft als Übellaunigkeit oder Mißmut zeigt, und fühlt sich nur nur noch als Last für alle Menschen. Wenn das nicht offen angesprochen wird, schwelt es immer weiter vor sich hin. Das setzt eine emotionale Teufelsspirale in Gang, die immer weiter nach unten führt. Mit liebevoller Pflege und füreinander umsichtig sorgen hat das dann längst nichts mehr zu tun.

Es geht darum, Lösungen zu finden – innerhalb der eigenen Familie, gemeinsam mit Pflegediensten und mit staatlichen Stellen. Es geht darum, die Last so zu verteilen, dass ein erträgliches und bewältigbares Maß an Belastung entsteht. Natürlich müssen das vernünftige Lösungen sein: Zustände, in denen die eigenen Kinder dann auch noch „zwangsverpflichtet“ werden, sich auch noch um Oma zu kümmern, sind keine vernünftigen Lösungen.
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Vor allen Lösungen steht aber die Einsicht, und das klare Bekenntnis, dass es zuviel ist. Das darf sein. Es darf auch zuviel sein. Das ist wichtig und grundlegend.

Denn am Ende gilt: wer nicht in der Lage ist, auf sich selbst ausreichend zu achten – der ist meist auch nicht wirklich sehr gut fähig, umsichtig und sorgsam auf jemand anders zu achten. Pflege ist kein „Muss“, sondern eine liebevolle und achtsame Fürsorge. Und liebevolles und achtsames Umgehen fängt schon bei sich selbst an.

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