Gesundheit

Emotionale Grundversorgung: Wir brauchen mehr als Nahrung, Kleidung und Medikamente

Wenn es um die Debatte der Pflegequalität in Heimen geht, wird ein Punkt immer wieder konsequent übersehen: die emotionalen Bedürfnisse der Menschen, die in Heimen leben. Die Grundversorgung mit Nahrung, Medikamenten und in Bezug auf die Körperpflege ist eben genau nur das: eine Grundversorgung. Die Bedürfnisse von Menschen in Heimen gehen aber tatsächlich weit darüber hinaus. Erst wenn es uns gelingt, in der hospitalisierten Pflege auch diesen Bedürfnissen optimal gerecht zu werden, können wir von einem wirklichen Pflegefortschritt reden.

Kritik an der Pflegeplanung

Viele Angehörige pflegen ihre Eltern selbst – mit dem Hinweis, sie würden es nicht übers Herz bringen, ihre Eltern der „unmenschlichen“ Pflege im Heim zu überlassen. In Deutschland betrifft das mehr als 1,8 Millionen Menschen. Eine ganze gewaltige Menge also immerhin – nämlich jeden 40. Deutschen. Und in Zukunft werden es wohl noch viel, sehr viel mehr.

Dabei wird aber selten klar, was denn eigentlich so „unmenschlich“ an der hospitalisierten Pflege ist. Die wenigsten Befragten können darauf wirklich eine klare Antwort geben. Dieser Beitrag soll deshalb einmal etwas näher zu beleuchten versuchen, welche Bedürfnisse Menschen eigentlich tatsächlich in ihrem Leben haben – und welche davon in Pflegeheimen manchmal nur sehr eingeschränkt oder gar nicht erfüllt werden können.

Das Bedürfnis nach Anerkennung und Wahrgenommen-Werden

Jeder Mensch ist einzigartig. Nicht nur von seinem Äußeren her, sondern auch von seiner Persönlichkeit, in seinen Vorlieben und Abneigungen, in seinen Werten und Vorurteilen. Und jeder alte Mensch hat eine ganz eigene Lebensgeschichte hinter sich, die auf all diesen Dingen beruht, und deshalb ebenfalls völlig einzigartig ist.

Natürlich möchte auch jeder in seinen ganz individuellen Eigenarten wahrgenommen werden. Aber nicht nur wahrgenommen, sondern eben auch wertgeschätzt.

Wenn wir als Gesellschaft ehrlich sind, tun wir uns damit genau genommen schon in Kindergärten schwer. Individualität und Persönlichkeit wirklich und ehrlich wertzuschätzen, fällt Institutionen und uns als Gesellschaft im Ganzen grundsätzlich nicht leicht. „Funktionieren“ hat immer einen höheren Stellenwert als Einzigartigkeit. Gerade wenn es um das Ende eines Lebens geht, sollten wir uns aber vielleicht doch zu der Einstellung durchringen, dass „Funktionieren“ hier nicht mehr die höchste Priorität hat. Sondern die letzten Jahre eines ganz individuellen, einzigartigen Lebens auch ausreichend wertschätzen, würdigen und gelten lassen.

Das Bedürfnis nach Austausch

Menschen sind Herdentiere und Gemeinschaftswesen. Das ändert sich auch im Alter nicht. Wir suchen soziale Kontakte, Bindungen und Freundschaften. Wir wollen uns austauschen, wollen uns selbst im anderen erkennen, und wollen im Gespräch erkennen, wo wir anders sind, als unser Gegenüber.

Das braucht Zeit, Offenheit und intensives Zuhören. Viele Menschen haben das ihr Leben lang nie richtig gelernt. Genau hier, im Pflegeheim, besteht aber die Möglichkeit, eben das nachzuholen. Sich selbst noch einmal an anderen zu reflektieren, eigene Ansichten weitergeben, und von anderen etwas lernen. Jeder hat etwas zu geben.

Es geht darum, eine Gesprächskultur zu schaffen, die bereichernd ist, die erfüllend ist in dem Sinn, dass sie den Tag mit Dingen erfüllt, die für uns wertvoll sind – und für andere. Wo auch der einzelne alte Mensch die Möglichkeit hat, anderen etwas mitzugeben, das für sie wertvoll sein kann. Und das sie auch annehmen wollen.

Das Bedürfnis nach Abwechslung

Routine beruhigt Menschen. Vertraute Gewohnheiten geben dem Leben Struktur und Ordnung, Rituale helfen uns, uns zu orientieren. Zuviel Routine aber ermüdet, lähmt und lässt einen innerlich wegtreten. Wenn die Routine die Kontrolle übernimmt, verliert man selbst die Kontrolle über die Dinge. Und das macht oft zornig, bockig, oder einfach frustriert.

Routinen sind wichtig für eine effiziente Grundversorgung, daran ist nicht zu rütteln. Bis zu einem gewissen Grad ist sie auch für die Heimbewohner eine Hilfe, sich in ihrem Tag und ihrem Umfeld zu orientieren. Zu sehr durchorganisierte Routinen verbannen aber auch jedes echte, menschliche und menschenwürdige Leben aus dem Heim. Der Heimaufenthalt wird zum nach der Uhr geplanten, genau strukturierten, ewig gleichen Warten auf den Tod.

Wir verschließen vor dieser Tatsache immer gerne ein wenig die Augen – aber wir sollten ganz einfach auch abseits jeglicher Effizienzplanung und Personal-Spar-Aktionen nicht aus den Augen verlieren, dass es hier um Menschen geht. Menschen, die vor dem letzten Rest ihres Lebens stehen, und die gerne noch etwas fröhlich und unbeschwert und unbekümmert leben wollen. Und etwas er-leben wollen. Sie wollen nicht routiniert zu Tode gepflegt werden.

Das Bedürfnis nach Liebe

Auch das Thema körperliche Liebe im Alter ist ein Tabu-Thema, das öffentlich so gut wie nie angesprochen wird. Kaum jemand weiß, dass es spezielle Services für den Bereich der Behinderten- und Altenbetreuung gibt. Weil es eben auch im Alter die gleichen Bedürfnisse gibt, wie in jüngeren Jahren. Aber das wollen wir selbst nicht so gerne wahrnehmen, und reden uns deshalb meist lieber ein, dass dem ohnehin nicht so wäre, und wir uns darum also nicht zu kümmern bräuchten. Das ist aber schlicht ignorant.

Ganz abseits von der körperlichen Liebe hat aber auch jeder Mensch ein Bedürfnis nach Nähe und nach Zärtlichkeit, nach Intimität, Vertrautheit und einer engen Beziehung. Das ist ganz einfach natürlich. Es gehört ganz einfach zu unserem Menschsein.

Für viele ist es ohnehin schwierig, sich nach einem meist zum Großteil mit einem vertrauten Partner verbrachten Leben wieder auf jemand Neues einzulassen. Dem bestehenden Bedürfnis nach Liebe gerecht zu werden, und es anzuerkennen, würde aber auch bedeuten, Menschen aktiv dabei zu helfen, diese Hemmnisse zu beseitigen, um auch wieder die Möglichkeit zu haben, ein wenig Erfüllung zu finden.

Auch wenn diese „wirren Gefühle“ dann eine ausgeklügelte Pflegeplanung zu stören scheinen – oder lediglich unsere eigenen Vorurteile. Schon bei unseren eigenen Kindern in der Pubertät fällt es uns schwer, diese „wirren Gefühle“ zuzulassen, zu akzeptieren und auch noch gutzuheißen – bei alten Menschen fällt es uns anscheinend noch viel schwerer. Wir nehmen sie deshalb lieber gleich gar nicht wahr.

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Die Freiheit des einen hört dort auf, wo die Freiheit des anderen beginnt. Oder einfach die Allmacht der alles regelnden und organisierenden Pflegeplanung. Das ist einer der häufigsten Konfliktpunkte zwischen alten Menschen und ihren Heimverwaltungen. Und natürlich gibt es in diesen Kämpfen fast immer nur einen Verlierer.

Oft genug geht es dabei nur um ganz kleine Dinge, um ein bisschen Privatsphäre, und um ein bisschen Selbstbestimmung. Um ein kleines Stückchen „Ich-sein-dürfen“. Vieles wäre mit etwas gutem Willen wahrscheinlich auch problemlos machbar. Allerdings kosten viele kleine Ausnahmen auch eine große Menge Zeit und Einsatz. Zeit ist aber bekanntlich Geld, und wo der schnöde Mammon den Erhalt eines ganzen Systems oder eben seinen Untergang regelt, ist kein Platz für Ausnahmen und Ineffizienz. Es geht einfach nicht, heißt es. Traurig, aber in den meisten Fällen können sich sogar Gefängnisinsassen eine Vielzahl mehr Freiheiten und Ausnahmen verdienen, als alte Menschen im Heim. Und die haben noch nicht einmal etwas verbrochen. Sie sind nur alt.

Die Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte

Es liegt an uns, einmal einen Schritt zurückzutreten, und in all den erbittert geführten Debatten um die Pflegekosten, um Effizienz und Personaleinsatz und um eine „medizinisch korrekte“ Pflege wieder einmal den ganz einfachen Menschen ins Auge zu fassen.

Bedürfnisse zu sehen, und anzuerkennen, die wir selbst auch haben. Und genau das einmal in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen zu stellen, und Systeme zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden – und nicht den Investoren in Pflegeheime oder dem Wunsch der Gesellschaft nach einer effizienten und korrekten Versorgung alter Menschen und einer geordneten Aufbewahrung bis zum Tod.

Denn schließlich ist die Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Alten umgeht, immer der eindeutige Spiegel ihrer eigenen Menschlichkeit – oder Unmenschlichkeit.

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